Psalm, Lieder, Gebete und Predigt von Pfarrerin Brigitte Schöne

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Biblischer Spruch für die Woche:
„Der Menschensohn ist nicht gekommen,
dass er sich dienen lasse,
sondern dass er diene
und gebe sein Leben als Lösegeld für viele."
Matthäus 20, 28
Begrüßung
Liebe Leserinnen und Leser,
Liebe Gemeinde,
Herzlich willkommen ihnen allen zu unserem Gottesdienst am Sonntag Judika.
„Schaffe mir Recht, Gott,“ wird es nachher im Psalm heißen. Und darum geht es heute auch: Zur Kenntnis zu nehmen, dass Menschenwürde und Gerechtigkeit antastbar sind, dass uns aber auch Gottes Zusage gegeben ist, mit IHM in dieser Welt zu leben.
Gott segne uns die Zeit der Andacht und Nähe zu ihm.
Lied: Gott des Himmels und der Erde, Evangelisches Gesangbuch Nr. 445, 1-5
1) Gott des Himmels und der Erden,
Vater, Sohn und Heilger Geist,
der es Tag und Nacht lässt werden,
Sonn und Mond uns scheinen heißt,
dessen starke Hand die Welt
und was drinnen ist, erhält:
2) Gott, ich danke dir von Herzen,
dass du mich in dieser Nacht vor Gefahr,
Angst, Not und Schmerzen
hast behütet und bewacht,
dass des bösen Feindes List
mein nicht mächtig worden ist.
5) Führe mich, o Herr, und leite
meinen Gang nach deinem Wort;
sei und bleibe du auch heute
mein Beschützer und mein Hort.
Nirgends als bei dir allein
kann ich recht bewahret sein.
Psalm 43
Schaffe mir Recht, Gott,
und führe meine Sache wider das treulose Volk
und errette mich von den falschen und bösen Leuten!
Denn du bist der Gott meiner Stärke:
Warum hast du mich verstoßen?
Warum muss ich so traurig gehen,
wenn mein Feind mich drängt?
Sende dein Licht und deine Wahrheit, dass sie mich leiten
und bringen zu deinem heiligen Berg und zu deiner Wohnung,
dass ich hineingehe zum Altar Gottes, /
zu dem Gott, der meine Freude und Wonne ist,
und dir, Gott, auf der Harfe danke, mein Gott.
Was betrübst du dich, meine Seele,
und bist so unruhig in mir?
Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken,
dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.
Meditation. Worte im Wechsel mit dem Lied: Gott hat das erste Wort, EG 199
https://www.youtube.com/watch?v=SHEAxXLJ3ck
♪ Strophe 1 und 2
Gott hat das erste Wort.
Es schuf aus Nichts die Welten
und wird allmächtig gelten
und gehn von Ort zu Ort.
Gott hat das erste Wort.
Eh wir zum Leben kamen,
rief er uns schon mit Namen
und ruft uns fort und fort.
Ein neuer Morgen.
Entstanden aus der Dunkelheit,
wie aus dem Nichts.
Ein neuer Morgen,
an dem Gott mich gerufen,
in diesen Tag, ins Leben gerufen hat.
Wieder und wieder.
♪ Strophe 3 https://www.youtube.com/watch?v=SHEAxXLJ3ck
Gott hat das letzte Wort,
das Wort in dem Gerichte,
am Ziel der Weltschichte,
dann an der Zeiten Bord.
Höre ich Gottes Stimme
In meinem Leben?
Oder gibt es in meinem Alltag zu viele andere Stimmer,
auf die ich achte,
nach denen ich mich richte?
Lasse ich mich von Gott rufen?
Oder meine ich,
meine Wege allein gehen zu können,
allein das Ziel zu finden?
Wenn ich mich traue,
auf Gott zu vertrauen,
dann kann ich es erleben,
dass Gott mich führt.
Mich bis zum Ziel führt.
♪ Strophe 4 https://www.youtube.com/watch?v=SHEAxXLJ3ck
Gott hat das letzte Wort.
Er wird es neu uns sagen
dereinst nach diesen Tagen
im ewgen Lichte dort.
Gott,
auf dich möchte ich vertrauen
auch gegen den Augenschein.
Auf dich möchte ich hoffen,
zu dir möchte ich kommen,
zu dir möchte ich reden –
mit Worten
und mit meinem Schweigen.
Von dir möchte ich geleitet werden –
In diesen Tag,
an jedem Tag.
♪ Strophe 5 https://www.youtube.com/watch?v=SHEAxXLJ3ck
Gott steht am Anbeginn,
und er wird alles enden.
In seinen starken Händen
liegt Ursprung, Ziel und Sinn.
Gott, lass uns Deine Nähe erkennen
und Deine Stärke in uns spüren.
Kyrie eleison - Herr, erbarme dich.
Christe eleison - Christe, erbarme dich
Zuspruch
Der biblische Spruch für die Woche erinnert uns:
„Der Menschensohn ist nicht gekommen,
dass er sich dienen lasse,
sondern dass er diene
und gebe sein Leben als Lösegeld für viele."
Matthäus 20, 28
Gott kam mit Jesus in die Welt. Er hilft uns zur Stärkung und zur Erlösung.
Gebet
Guter Gott,
du hast dich hingegeben für deine Menschen und diese Welt.
Es blieb nicht bei Leid und Tod.
Ja, da war wieder Hoffnung!
Lass uns diesen Gottesdienst zur Stärkung werden
und zum Ort neuer Hoffnung.
Darum bitten wir dich durch Jesus Christus, deinen Sohn, der mit dir und dem Heiligen Geist lebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.
Liebe Leserinnen und Leser,
Die Jünger streiten um die ersten Plätze.
Jesus weist ihre Ansprüche zurück.
In seiner Nähe müssen Menschen nicht mehr herrschen,
sondern sie können dienen – wie er selbst.
Wir hören nun das Evangelium.
Hier das Evangelium aus Mk 10, 35-45
Da gingen zu ihm Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, und sprachen zu ihm: Meister, wir wollen, dass du für uns tust, was wir dich bitten werden. Er sprach zu ihnen: Was wollt ihr, dass ich für euch tue? Sie sprachen zu ihm: Gib uns, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit. Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr wisst nicht, was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde? Sie sprachen zu ihm: Ja, das können wir. Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr werdet zwar den Kelch trinken, den ich trinke, und getauft werden mit der Taufe, mit der ich getauft werde; zu sitzen aber zu meiner Rechten oder zu meiner Linken, das zu geben steht mir nicht zu, sondern das wird denen zuteil, für die es bestimmt ist. Und als das die Zehn hörten, wurden sie unwillig über Jakobus und Johannes. Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.
Lied: Wo Menschen sich vergessen
https://www.youtube.com/watch?v=Mvy8EbDbYyI
1) Wo Menschen sich vergessen, die Wege verlassen…Refrain:
Refrain: … und neu beginnen, ganz neu,
da berühren sich Himmel
und Erde, dass Frieden werde unter uns,
da berühren sich Himmel und Erde,
dass Frieden werde unter uns.
2) Wo Menschen sich verschenken, die Liebe bedenken… Refrain:
3) Wo Mensch sich verbünden, den Hass überwinden… Refrain:
Predigt zu Hebräer 13, 12-14
Darum hat auch Jesus,
damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut,
gelitten draußen vor dem Tor.
13So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager
und seine Schmach tragen.
14Denn wir haben hier keine bleibende Stadt,
sondern die zukünftige suchen wir.
Liebe Leserinnen und Leser,
I Drinnen und Draußen
Keine biblische Geschichte, sondern drei knappe Verse eines Briefes liegen heute unserer Betrachtung zugrunde. Verse mit einem starken Bild. Es ist das Bild von einer Stadt mit Mauern und Toren und mit einem Umland vor den Toren der Stadt. Das Foto des Gottesdienstblattes will der Vorstellung ein wenig helfen.
Solche Städte haben wir heute kaum noch. Sie erinnern uns an mittelalterliche Stadtstrukturen. Wir erhalten sie aus historischen, geschichtlichen und nostalgischen Gründen, aber wir leben sie nicht mehr. Unsere Städte sind durchlässig geworden. Der Übergang vom Land zur Stadt ist von Vorstädten und Industrie- und Einkaufsgebieten geprägt. Irgendwo am Rande steht ein Ortsschild, manchmal zwischen den Gebäuden kaum zu finden. Nein, wir bauen keine klaren Grenzen oder gar Mauern und Befestigungen mehr.
Wir verstehen das Bild dennoch. Und ist klar, was hier in den biblischen Versen gemeint ist: Der Hebräerbrief redet vom drinnen und vom draußen. Er spricht vom Dazugehören und vom Ausgeschlossen sein. Von Heimat und Verortung und andererseits von Unbehaust sein, von Fremde, von Einsamkeit.
Drei biblische Sätze sind es, denen wir uns heute vielleicht am besten mit eigenen Bildern und Erfahrungen nähern können. In ihnen erschließt sich, was der Schreiber der Sätze meinen könnte.
Ja, zu Menschen vor der Stadt fällt uns doch viel ein: Außenseiter, Eigenbrötler, Suchende, Menschen, die gegen den Strom schwimmen, Menschen ohne Kraft, Schuldig gewordene, Verzagte…
Auch das Bild des Lagers ist mir nicht fremd: Ein Ort voller Zelte, ein Platz voller Wohnwagen. Die Menschen fühlen sich hier wohl und verlassen so ein Lager ungern, weil sie sich hier sicher und aufgehoben fühlen. Ein Zuhause. Das Draußen ist herausfordernd, oft unbekannt und auch kalt und unwegsam.
Wenn wir mit den Konfirmand*innen oder mit den Familien während der Familienfahrt Jahr für Jahr in Hirschluch sind brauchen wir uns als Leitende oder als Eltern unserer Kinder kaum Gedanken zu machen, dass uns jemand wegrennt oder verloren geht. Obwohl es keine Zäune oder gar Mauern um das Gelände gibt, bleiben alle in Sichtweite. Denn: Ein Wald umgibt das Gelände. Und mag man zu weit in den Wald gehen? Ganz besonders als Stadtkind? Wir spüren schon bei dem Gedanken Unsicherheit, Gefahr und Ängste.
Nein, lieber „in der Stadt“ bleiben. Sicher, warm, behaust.
Selbst wenn wir uns nicht wohl fühlen, wenn es Konflikte gibt und das Leben schwer ist – ein Leben außerhalb der eigenen Welt wirkt bedrohlich und beängstigend. Und diese Welt ist ja oft genug auch genau das.
II Hinschauen ist schwer
Aber auch das gehört dazu: Nicht allen gelingt es, Teil der „Stadt“ zu bleiben. Und das hat die verschiedensten Gründe. Uns fallen viele ein. Uns kommen Menschen vor Augen, denen es so geht: Sie leben irgendwie vor der Stadtmauer.
Ich denke an ein Mädchen auf einer Gruppenfahrt, die ich begleitete. Die Reise lief gut, die jungen Leute machten einen freundlichen und offenen Eindruck. Doch als es an die Zimmerverteilung ging, tat sich ein Problem auf: Niemand wollte mit einer der Mitreisenden zusammenwohnen. Mehr Platz aber gab es nicht. Diskussionen begannen, meist heimlich und hinter vorgehaltener Hand. Manche reagierten mit schweigender Beharrlichkeit oder mit verstohlenem Ausweichen. Nach außen bleierne Zeit und unerträgliche Spannung. Am Ende wurden Betten getragen und es wurde eng zusammengerückt.... und die junge Frau blieb allein und hatte ganz viel Platz für sich. Die ganze Reise lang.
Was war los? Warum wollte niemand mit ihr zusammenwohnen? Sie wirkte freundlich, wenn auch sehr schüchtern. Sie schien ordentlich, wenn auch nicht so “hip” in ihrer Kleidung, wie es junge Menschen voneinander erwarten. Sie wirkte interessiert... manchmal etwas verträumt und abwesend, schüchtern war sie und freundlich, gehemmt, aber doch auch offen.
Ihre Zwillingsschwester fehlte ihr. Das erste Mal in beider Leben waren sie ohne einander.
Es gab nichts grundlegend Bedenkliches an der jungen Frau, nur das sie eben so war, wie keine von den anderen jungen Frauen sein wollte: kindlich, farblos, ganz gewiss unattraktiv für die Jungs (“so wie die sich gibt”), mit kleinem Sprachfehler, und manchmal wie von einer anderen Welt.
Welche Vehemenz der Abneigung. Das hat mich beeindruckt.
Und klar war auch: In der Gruppe galt unbewusst und unausgesprochen: Wer sich mit ihr beschäftigt, wer auf sie zugehen würde, wäre raus. Hätte das Unverständnis der anderen: Was will sie von ihr?... Es hätte etwas von Verrat. Eine Anfrage an die Werte der Gruppe…
Stellen wir uns eine Mutige vor, die eine Brücke herstellt. -Wenn es dann schief geht? Wenn die Einsame wirklich so langweilig ist? Kommt man dann wieder zurück in die Gruppe? Wer würde die Isolation aushalten?
Ich muss noch sagen: Keine aus der Gruppe hat eine Woche lang von sich aus den Versuch gemacht, der Einsamen näher zu kommen. Ich jedenfalls habe keine Versuche wahrnehmen können. Sie taten dagegen alle, als gäbe es sie nicht. Schon das Hinschauen war ihnen nicht möglich.
Hatten sie Angst, ihr zu begegnen, weil sie dann auch mit ihren eigenen Ängsten in Berührung kommen könnten? Die Ängste vor Isolation und vor mangelnder Attraktivität.
Dieses Beispiel zeigt: Allein schon das Hinsehen und Wahrnehmen der Menschen am Rande oder gar außerhalb der „Stadt“ ist zu Zeiten sehr mühsam.
Eigene Unsicherheit und Angst machen uns in bestimmten Umständen unfähig, zu sehen, machen uns buchstäblich blind.
III Fester Boden
Wenn es schon mit dem Hinsehen vielfach nicht möglich ist, wie gehen wir dann mit der Aufforderung des Verfassers des Hebräerbriefes um? Er fordert die Hebräerinnen und Hebräer im zweiten Vers des Predigttextes zu noch viel mehr auf!
Er erinnert: Jesus hat gelitten draußen vor dem Tor und deshalb “...lasst uns nun...hinausgehen...”. Lasst uns für ihn Partei ergreifen, an seiner Seite sein.
Hinausgehen zu dem, der da allein ist und nicht nur das, sondern der Schmach, d.h. Schande trägt.
Wie können wir hinausgehen, wenn uns schon das Hinsehen schwerfällt?
Wir wissen, es gibt Menschen, die das schaffen - das Hinsehen und auch Losgehen. Ich bewundere sie. Besonders die, die auf obdachlose und verwahrloste Menschen in unserer Stadt zugehen.
Sie vermögen es, in all dem Elend immer noch den Menschen in seiner Würde wahrzunehmen. Wie finden Menschen zu dieser Haltung? Möglichweise gewinnen wir diese Haltung nur in der Auseinandersetzung mit uns selbst. Mit unseren Ängsten und unseren schwachen Seiten. Wenn wir unsere eigene Schwachheit ansehen können und aushalten, können wir sie auch den anderen zugestehen.
Das ist aber keine leichte Sache mit dem sich selbst annehmen, wie wir alle wissen. Doch: Den festen Boden unter unseren Füßen für diese Auseinandersetzung mit uns selbst - den hat uns Gott gegeben!
Der Schreiber des Hebräerbriefes nennt es so: Ihr seid geheiligt, geheiligt durch Jesu Versöhnungsgeschehen am Kreuz. Nicht Eure Schuld, Eure Unzulänglichkeit, Eure Schwachheit zählt. Dagegen stehen Euer Menschsein und Eure Würde. Menschsein und Würde gehen nicht verloren, denn ihr bleibt geliebt als Gottes Kinder.
Geheiligte haben Würde, Geheiligte tragen nicht mehr an ihrer Schuld. Geheiligte sind zuweilen obdachlos, haben sich schuldig gemacht, sind unattraktiv und schwach. Und doch sind sie Menschen voller Würde.
Hinschauen und sich zuwenden - diese Haltung wird uns nicht geschenkt. Wir müssen sie uns erarbeiten. Geschenkt aber wird uns die Zusage, dass wir geliebt und angenommen sind. Auf diesem Grund unter unseren Füßen können wir es uns leisten, das behütete Lager zu verlassen, aus der befestigten Stadt herauszutreten, auf das zugige und unwirtliche Feld zu gehen und den Menschen außerhalb der Sicherheiten zu begegnen.
In vielen Situationen gelingt uns das, in vielen aber auch nicht. Es bleibt ein Prozess, für den wir Stärkung brauchen. Stärkung in Form von Kräftigung und Ermutigung, aber auch in Form von Vergebung und Hilfe zum Neuanfang.
Wie gut, dass wir unsere guten Räume haben, wo wir gestärkt werden. Für manche ist es so ein Gottesdienst: das Abendmahlhin und wieder, das Gebet, in das ich mich einhülle, die biblischen Worte, die Töne von Gesang und Musik. Für manche kommt die Stärkung aus den Gesprächen mit nahen Menschen. Aus dem langen Gang am See… Für manche ist es ein Mix aus all dem.
Wir sind von Gott geliebte Menschen, voller Würde, mit Namen und Ansehen.
In der Balance, die uns so ein Bewusstsein gibt, können wir leichter hinausgehen aus der Stadt, aus der Sicherheit, aus den comfort-Räumen. Können die anderen sehen und mit ihnen ein Stück gehen.
Ich finde das Bild auf dem Gottesdienstzettel schön. Mit der Mauer deutet es die Stadt an. Das Draußen vor der Stadt ist aber auch nicht zu verachten. Es ist grün, ein schöner Weg, eine eigene Welt.
Das bringt uns zur Frage: Muss das Draußen denn immer ein schwieriger Ort sein? Nehmen wir doch mal an, dass uns dort auch etwas erwartet! Das es dort Schönheit und Leben und Reichtum und Freude gibt.
Es ist anders dort. Und es ist auch Gottes Welt!
Noch einmal denke ich an die junge Frau auf Gruppenfahrt. Wer weiß, was an ihr oder mit ihr zu entdecken gewesen wäre. Eine andere, eine neue Welt.
IV Es bleibt alles in Bewegung
Nun könnte die Predigt zu Ende sein, doch mich bewegt im Zusammenhang mit diesen Versen aus dem Hebräerbrief noch etwas:
“so lasst uns nun hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen” (V13). Diese Aufforderung ergeht an die Hebräer. Sie sind Menschen, die es müde sind, gegen den Strom zu leben. Die Hebräerinnen und Hebräer sind Christen und in der Minderheit und ihre Außenseiterrolle mit all den Schwierigkeiten haben sie längst schon satt. Sie sind versucht, ihre Überzeugungen doch wieder aufzugeben für andere, die leichter zu leben sind. Zurück in die befestigte kuschelige Stadt?
Müdigkeit kennen auch wir. Es ist nicht so sehr die Minderheitensituation, in der auch wir inzwischen in unserer Stadt leben. Es ist viel mehr die allgemeine Verunsicherung, die weltpolitische Lage. War da nicht so lange die Überzeugung: Wenn wir uns anstrengen, dann wird es immer besser!?...nun erleben wir zu viele Rollen rückwärts…
Wie oft haben wir mit finanziellen Mitteln und auch mit eigener Tatkraft konkretes getan, um Situationen zu erleichtern, zu verbessern, zum Besseren zu verwandeln. Wie oft haben wir uns anrühren und ansprechen lassen.
Großartige Strukturen wurden aufgebaut, die die Welt verändern und zu einem besseren Ort werden lassen. Nun überfallen uns wieder Gefühle von Ratlosigkeit und Ohnmacht.
An dieser Stelle antwortet der Hebräerbrief. Er sagt: “Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir” V14
Es ist nur natürlich, dass wir uns eine friedliche Welt und eine sichere Bleibe wünschen, doch der Hebräerbrief nimmt uns die Illusion: Es bleibt alles in Bewegung, es bleibt ein Prozess. Wir werden Zelte errichten können, lebenswerte Orte, vielleicht manchmal auch Häuser, die vom Reich Gottes kündigen. Aber es wird keine bleibende Stadt sein. Die Orte aber, die wir jetzt haben, sollen wir mit all unser Kraft und Energie, unserer Phantasie und unseren Kompetenzen gestalten. Dass sie gute Orte sind, die uns Freude und Energie, Mut und Stärke geben. In denen wir aber auch das Hinschauen lernen. Von denen wir hinausgehen zu den Menschen außerhalb unserer sicheren Orte und geduldig sind in der Mühe umeinander.
Das gibt uns der Predigttext des heutigen Tages mit: Gott gibt uns einen festen Boden, so dass wir mutig werden können und auch geduldig.
Und der Frieden Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. AMEN
Fürbitten
Jesus Christus,
du unser Bruder und Heiland,
du hast alles Leiden dieser Welt ertragen.
Du bleibst die Hoffnung,
wenn sich der Tod als Sieger aufführt.
Du bist das Leben.
Erbarme dich.
Zu den Ausgestoßenen gehörtest du, Jesus.
Wir bitten dich für die,
auf die niemand achtet,
die stören,
die schwach sind und über die die Starken hinweggehen.
Wir bitten dich für die,
die in Angst leben,
die um ihre Arbeit fürchten,
die vom Leben und den Menschen enttäuscht sind.
Du bist das Leben.
Erbarme dich.
Dein Blut wurde vergossen, Jesus.
Wir bitten dich für die,
deren Blut die Mächtigen vergießen,
deren Häuser zerbombt werden,
deren Leben von Raketen und Drohnen bedroht ist.
In unserer Partnergemeinde St. Georgios hier in Berlin bangen sie um ihre Familien im Libanon und in Syrien.
Viele Mitbürgerinnen und -bürger in unserer Stadt sorgen sich um ihre Angehörigen im Iran.
In den jüdischen Gemeinden hoffen sie für ihre Angehörigen in Israel.
Die palästinensischen Familien ringen mit ihrer Hilflosigkeit.
Nach mehr als vier Jahren Krieg entschwindet den Menschen in und aus der Ukraine die Kraft.
Mit ihnen allen bitten wir dich für die Verletzten,
die Opfer der zahllosen Kriege,
für die, deren Wunden nur äußerlich vernarben,
für die, die beständig die Bilder des Grauens vor Augen haben.
Du bist das Leben.
Erbarme dich.
Du hast unter Schmerzen gelitten, Jesus.
Wir bitten dich für die,
die krank sind und auf Heilung hoffen,
die Schmerzen leiden und niemand kann ihnen helfen,
Wir bitten dich
für die Trauernden.
Du zeigst uns den Weg in die ewige Stadt, Jesus.
Wir bitten dich für deine Kirche,
in aller Welt und
an diesem Ort.
Wir bitten dich
für die Kinder, die hier getauft wurden und werden,
für die Menschen, die hier ihre Heimat gefunden haben,
für die, mit denen wir es leicht haben und
auch die, die uns zu tragen geben.
Deine Liebe gilt ihnen.
Dir vertrauen wir sie an.
Du bleibst die Hoffnung.
Du bist das Leben.
So bitten wir dich heute und an jedem neuen Tag:
Erbarme dich. Amen.
Mit Jesu Worten beten wir: Vater unser…
Segen
Der Herr segne dich und behüte dich.
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir + Frieden. Amen.
Mit herzlichen Grüßen, Ihre Pfarrerin Brigitte Schöne
Wenn Sie Fragen oder Anregungen zu diesem Gottesdienst haben, dürfen Sie uns gerne schreiben:
Informationen:
Herzliche Einladung zum Gottesdienst am kommenden Sonntag, Palmsonntag, den 29. März 2026 um 10.00 Uhr mit Prädikant Hans-Joachim Fentz und Dorina Adelsberger (Orgel).
Die Gottesdienste über die Ostertage entnehmen Sie bitte dem Gemeindebrief (zu finden im Foyer von Kirche und Gemeindehaus).
Die sammeln wir für die Partnerkirchen in Afrika. An der Kirchentür sammeln wir für die Kirchenmusik in unserer Gemeinde.
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