Psalm, Lieder, Gebete und Predigt von Pfarrer Oliver Matri

Liebe Leserinnen und Leser,
herzlich willkommen zu dieser Andacht am Karfreitag.
Heute ist ein sehr besonderer Tag im Kirchenjahr. Ein Tag, der still und schwer ist, der uns innehalten lässt. Ein Tag, an dem wir auf das Kreuz schauen – und vielleicht spüren, dass sich dieses Geschehen nicht leicht einordnen lässt. Zwischen Trauer und Hoffnung, zwischen Schmerz und Liebe stehen wir heute.
Karfreitag führt uns mitten hinein in die großen Fragen unseres Lebens: in Schuld und Versagen, in Zerbrechen und Leid, aber auch in Gottes Nähe gerade dort, wo wir sie nicht erwarten.
Der Wochenspruch aus dem Johannesevangelium stellt uns dabei ein Wort vor Augen, das wie ein Licht über diesem Tag steht:
„Also hat Gott die Welt geliebt,
dass er seinen eingeborenen Sohn gab,
auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden,
sondern das ewige Leben haben.“ (Johannes 3,16)
Von dieser Liebe Gottes her feiern wir diese Andacht. Nicht wir haben den ersten Schritt getan – Gott kommt uns entgegen. Er sucht die Gemeinschaft mit uns, so wie wir heute sind: mit unseren Gedanken, unseren Fragen, unserer Dankbarkeit und auch mit dem, was schwer auf uns liegt.
So werden wir still vor Gott.
Gebet
von Pfrn. Kathrin Oxen
Gott, wir kommen zu dir an diesem Tag,
an dem wir still sein sollen
und es ansehen und aushalten,
das Leiden deines Sohnes, sein Blut und seine Wunden.
Für uns hat Jesus das getan,
an unserer Stelle, uns zugute.
Etwas in uns wehrt sich dagegen,
dass einer das für uns getan hat
und auch noch aus Liebe.
Öffne du unser Herz
für das Geheimnis deiner Hingabe,
lass uns still werden,
es ansehen und verstehen.
Deine Liebe hat Blut und Wunden,
weil sie lebendig und echt ist.
Versöhne du uns mit diesem Gedanken
und lass uns deine Hingabe annehmen.
Vaterunser im Himmel
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich
und die Kraft und die Herrlichkeit
in Ewigkeit. Amen.
Psalm 22
Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne.
Mein Gott, des Tages rufe ich,
doch antwortest du nicht,
und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.
Aber du bist heilig,
der du thronst über den Lobgesängen Israels.
Unsere Väter hofften auf dich;
und da sie hofften, halfst du ihnen heraus.
Zu dir schrien sie und wurden errettet,
sie hofften auf dich und wurden nicht zuschanden.
Sei nicht ferne von mir, denn Angst ist nahe;
denn es ist hier kein Helfer.
Aber du, Herr, sei nicht ferne;
meine Stärke, eile, mir zu helfen!
Gebet
Barmherziger Gott,
an diesem Karfreitag kommen wir vor dich mit allem, was unser Leben ausmacht:
mit dem, was uns gelingt,
und mit dem, was zerbrochen ist,
mit Vertrauen und mit Zweifel,
mit offenen Fragen und mit stiller Sehnsucht nach Frieden.
Du hast deine Liebe nicht fern von uns gehalten,
sondern bist uns nahe gekommen –
hinein in unsere Welt,
hinein in menschliches Leid und menschliche Schuld.
Öffne unsere Herzen für dein Wort,
wenn wir auf das Kreuz schauen.
Lass uns erkennen, was du uns schenken willst,
auch dort, wo wir es nicht sofort verstehen.
Nimm von uns, was uns von dir trennt,
und schenke uns den Mut,
uns deiner Liebe anzuvertrauen.
Führe uns
durch dein Wort und deine Gegenwart,
damit wir neu hören,
neu hoffen
und neu leben lernen.
Durch Jesus Christus, unseren Herrn.
Amen.
Lesung aus dem Alten Testament
Jesaja 52, 13-15 und 53, 1 – 12
Siehe, meinem Knecht wird’s gelingen, er wird erhöht und sehr hoch erhaben sein. Wie sich viele über ihn entsetzten – so entstellt sah er aus, nicht mehr wie ein Mensch und seine Gestalt nicht wie die der Menschenkinder –, so wird er viele Völker in Staunen versetzen, dass auch Könige ihren Mund vor ihm zuhalten. Denn was ihnen nie erzählt wurde, das werden sie nun sehen, und was sie nie gehört haben, nun erfahren.
Aber wer glaubt dem, was uns verkündet wurde, und an wem ist der Arm des Herrn offenbart? Er schoss auf vor ihm wie ein Reis und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt und Hoheit. Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet.
Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.
Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der Herr warf unser aller Sünde auf ihn. Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf.
Er ist aus Angst und Gericht hinweggenommen. Wen aber kümmert sein Geschick? Denn er ist aus dem Lande der Lebendigen weggerissen, da er für die Missetat seines Volks geplagt war. Und man gab ihm sein Grab bei Gottlosen und bei Übeltätern, als er gestorben war, wiewohl er niemand Unrecht getan hat und kein Betrug in seinem Munde gewesen ist. Aber der Herr wollte ihn also zerschlagen mit Krankheit. Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat, wird er Nachkommen haben und lange leben, und des Herrn Plan wird durch ihn gelingen. Weil seine Seele sich abgemüht hat, wird er das Licht schauen und die Fülle haben.
Durch seine Erkenntnis wird er, mein Knecht, der Gerechte, den Vielen Gerechtigkeit schaffen; denn er trägt ihre Sünden. Darum will ich ihm die Vielen zur Beute geben und er soll die Starken zum Raube haben dafür, dass er sein Leben in den Tod gegeben hat und den Übeltätern gleichgerechnet ist und er die Sünde der Vielen getragen hat und für die Übeltäter gebeten.
Lied
Wenn meine Sünd‘ mich kränken (EG 82)
1. Wenn meine Sünd' mich kränken,
o mein Herr Jesu Christ,
so lass mich wohl bedenken,
wie du gestorben bist
und alle meine Schuldenlast
am Stamm des heilgen Kreuzes
auf dich genommen hast.
2. O Wunder ohne Maßen,
wenn man's betrachtet recht:
Es hat sich martern lassen
der Herr für seinen Knecht;
es hat sich selbst der wahre Gott
für mich verlornen Menschen
gegeben in den Tod.
3. Was kann mir denn nun schaden
der Sünden große Zahl?
Ich bin bei Gott in Gnaden,
die Schuld ist allzumal
bezahlt durch Christi teures Blut,
dass ich nicht mehr darf fürchten
der Hölle Qual und Glut.
Brief-Lesung (Epistel)
2. Korinther 5, 14b – 21
Wenn einer für alle gestorben ist, so sind sie alle gestorben. Und er ist darum für alle gestorben, damit, die da leben, hinfort nicht sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben ist und auferweckt wurde.
Darum kennen wir von nun an niemanden mehr nach dem Fleisch; und auch wenn wir Christus gekannt haben nach dem Fleisch, so kennen wir ihn doch jetzt so nicht mehr. Darum: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. Aber das alles ist von Gott, der uns mit sich selber versöhnt hat durch Christus und uns das Amt gegeben, das die Versöhnung predigt. Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.
So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.
Lied
Drum sag ich dir von Herzen (EG 82)
4. Drum sag ich dir von Herzen
jetzt und mein Leben lang
für deine Pein und Schmerzen,
o Jesu, Lob und Dank,
für deine Not und Angstgeschrei,
für dein unschuldig Sterben,
für deine Lieb und Treu.
5. Herr, lass dein heilig Leiden
mich reizen für und für,
mit allem Ernst zu meiden
die sündliche Begier,
dass mir nie komme aus dem Sinn,
wie viel es dich gekostet,
dass ich erlöset bin.
7. Lass mich an andern üben,
was du an mir getan,
und meinen Nächsten lieben,
gern dienen jedermann
ohn Eigennutz und Heuchelschein
und, wie du mir erwiesen,
aus reiner Lieb allein.
Evangelium
Johannes 19,16-30
Da überantwortete er ihnen Jesus, dass er gekreuzigt würde.
Sie nahmen ihn aber, und er trug selber das Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha. Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte.
Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der Juden König. Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache. Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: Schreibe nicht: Der Juden König, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der Juden König. Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.
Die Soldaten aber, da sie Jesus gekreuzigt hatten, nahmen seine Kleider und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch den Rock. Der aber war ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück. Da sprachen sie untereinander: Lasst uns den nicht zerteilen, sondern darum losen, wem er gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt: »Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.« Das taten die Soldaten.
Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria Magdalena. Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.
Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet. Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und legten ihn um einen Ysop und hielten ihm den an den Mund. Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht. Und neigte das Haupt und verschied.
Lied
O Haupt voll Blut und Wunden (EG 85)
1. O Haupt voll Blut und Wunden,
voll Schmerz und voller Hohn,
o Haupt, zum Spott gebunden
mit einer Dornenkron,
o Haupt, sonst schön gezieret
mit höchster Ehr und Zier,
jetzt aber hoch schimpferet:
Gegrüßet seist du mir!
2. Du edles Angesichte,
davor sonst schrickt und scheut
das große Weltgewichte:
wie bist du so bespeit,
wie bist du so erbleichet!
Wer hat dein Augenlicht,
dem sonst kein Licht nicht gleichet,
so schändlich zugericht'?
3. Die Farbe deiner Wangen,
der roten Lippen Pracht
ist hin und ganz vergangen;
des blassen Todes Macht
hat alles hingenommen,
hat alles hingerafft,
und daher bist du kommen
von deines Leibes Kraft.
Predigt
zu 2. Korinther 5,14b–21
Liebe Leserinnen und Leser,
wenn wir heute auf das Kreuz schauen, fällt uns das oft nicht leicht. Das Kreuz ist vertraut – und zugleich fremd geworden. Denn über Jahrhunderte haben sich Vorstellungen festgesetzt, die uns den Zugang zum Karfreitag eher erschweren als öffnen.
Zwei Missverständnisse begleiten viele Menschen bis heute. Das erste: Gott müsse versöhnt werden, weil er zornig sei. Das zweite: Gott brauche eine Art „Genugtuung“ – ein blutiges Opfer, damit er vergeben könne.
Doch Paulus sagt etwas anderes. Und auch der Wochenspruch aus Johannes 3 erinnert daran: Nicht Gott muss mit der Welt versöhnt werden – die Welt muss mit Gott versöhnt werden. Gott ist nicht derjenige, der sich abwendet. Er ist derjenige, der auf uns zugeht.
„Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber“ (V. 19). Nicht Gott braucht Versöhnung mit uns. Wir brauchen Versöhnung mit Gott.
Nun könnte man sagen: Aber ich bin doch gar nicht wütend auf Gott. Meistens jedenfalls. Was soll das heißen – „wir brauchen Versöhnung mit Gott“? Paulus spricht nicht zuerst von Gefühlen, sondern von Beziehung. Davon, wie wir leben. „Damit die, die leben, hinfort nicht sich selbst leben“ (V. 15) schreibt er. Und wenn wir ehrlich sind, merken wir: Genau das geschieht so oft. Wir leben für uns selbst. Wahrscheinlich nicht bewusst gegen Gott – aber doch auf uns selbst bezogen. Für meine Sicherheit. Meine Interessen. Mein Fortkommen. Und daraus mache ich, völlig unnötigerweise, einen Gegensatz: für mich – und damit oft nicht für Gott, nicht für den Nächsten, nicht für die Schöpfung. Die möglichen Folgen kennen wir auch: verletzte Beziehungen, Gleichgültigkeit, zerstörte Lebensräume, verhärtete Herzen. Martin Luther hat dafür ein starkes Bild gefunden: Der Mensch ist in sich selbst verkrümmt. Gefangen im eigenen Mittelpunkt. Und genau daraus befreit Christus uns am Kreuz.
Dabei geht es nicht um einen Deal. Nicht um einen Tauschhandel zwischen Gott und Mensch. Auch wenn es auf den ersten Blick so klingt. Paulus formuliert zugespitzt: „Gott hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.“ Sünde gegen Gerechtigkeit. Guter Tausch, könnte man denken. Doch Paulus spricht nicht von einem Tausch. Er spricht von Beziehung. Von einem „In-ihm-Sein“: „auf dass wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.“ Wir in ihm. „In Christus sein“ – das ist einer der wichtigsten Gedanken bei Paulus, der in seinen Briefen immer wieder vorkommt. „Denn Gott war in Christus“, schreibt er. Gott handelte in Christus. Und das neue Leben, versöhnt mit Gott, das haben wir, wenn wir „in ihm“ sind, und er in uns. Nicht ein Austausch von Eigenschaften geschieht hier, sondern eine neue Gemeinschaft. Versöhnung bedeutet: hineingenommen werden in die Beziehung zwischen Gott und Christus. Anteil bekommen an seinem Leben.
Ein weiteres Missverständnis liegt nahe: Wenn wir „in Christus“ sind, müssten wir Jesus bis ans Kreuz nachfolgen, ihm gleich werden, sein Leiden wiederholen. Manche Passionslieder in unserem Gesangbuch klingen so: „Ich will ans Kreuz mich schlagen/ mit dir …“ (EG 84,12). Doch das können wir nicht. Und wir müssen es auch nicht. Jesus hat das ein- für allemal getan – stellvertretend für uns. Das Kreuz ist kein Auftrag zur Wiederholung, sondern ein Geschenk der Befreiung.
Darum sagt Paulus: „So bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!“ Eine Bitte. Kein Zwang. Eine Bitte, die wie jede Bitte den Angesprochenen einen Freiraum lässt, darauf einzugehen oder nicht. Versöhnung kann man nicht erzwingen. Sie kann nur aus freien Stücken geschehen. Vergeben ist ein einseitiger Vorgang – ich kann jemandem vergeben, auch wenn er oder sie mir nicht vergibt. Aber wenn zwei sich versöhnen, dann braucht es das Einverständnis beider. Gott hat uns vergeben und heute lädt er uns ein: Lasst euch versöhnen!
Das heißt: Ich kann Groll und Misstrauen gegenüber Gott loslassen – vielleicht Dinge, die sich über Jahre angesammelt haben, oft unbewusst. Ich kann das „Für-mich-selbst-Leben“ loslassen, das sich wieder eingeschlichen hat: dort, wo ich mich verschließe, wo ich festhalte, wo Angst mein Handeln bestimmt.
Dann kann ich frei und offen sein für das neue Leben, das Gott schenken will. „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur.“ Neuschöpfung. Neues Leben. Eigentlich sind wir damit schon bei Ostersonntag. Denn Karfreitag steht nie für sich allein. Das Kreuz ist immer auf Ostern hin offen.
Heute, am Karfreitag, können wir uns vielleicht fragen: Welchen Bereich meines Lebens möchte ich besonders unter das Kreuz legen? Wo möchte ich mehr „in Christus“ leben? Mich versöhnen lassen? Wo möchte ich seine Gerechtigkeit empfangen statt mich selbst rechtfertigen zu müssen? Wo möchte ich sein neues Leben empfangen?
Wer sich mit Gott versöhnt weiß, bekommt den Rücken frei – und die Hände auch. Frei, um Versöhnung weiterzugeben. In Beziehungen, die festgefahren sind. In Worten, die heilen statt verletzen. In einem Umgang mit der Schöpfung, der nicht zuerst vom Nehmen bestimmt ist. Denn Gottes Versöhnung will Raum gewinnen – zwischen Menschen und in seiner ganzen Schöpfung.
Und noch etwas ist wichtig: Wenn Paulus sagt, Christus sei „zur Sünde gemacht“ worden, dann bedeutet das nicht, dass es für immer dabei bleibt. Jesus trägt unsere Sünde – aber Gott vergibt sie. Die Auferstehung ist das unwiderlegbare Zeichen dafür. Die Sünde behält nicht das letzte Wort. Das Leben behält es.
Darum schauen wir heute auf das Kreuz nicht als Zeichen göttlichen Zorns, sondern als Zeichen göttlicher Liebe. Dort begegnet uns der Gott, der nicht gegen uns ist, sondern für uns. Der uns nicht zwingt, sondern bittet. Der uns nicht klein macht, sondern neu schafft. „Lasst euch versöhnen mit Gott.“
Amen.
Lied
Bleibet hier und wachet mit mir (EG 789)
Bleibet hier und wachet mit mir.
Wachet und betet, wachet und betet.
Fürbitte
von Pfrn. Kathrin Oxen
In einer fernen Zeit bist du nach Golgatha gegangen.
Jesus, du hast Einsamkeit erduldet und zu Leiden und Sterben Ja gesagt.
Diese Zeit kommt uns manchmal näher, als es uns lieb ist
Wir erfahren in unserem Leben Angst und Verlassenheit wie du.
Wir bitten dich: Bleib du uns dann nahe, sieh unsere leise Verzweiflung,
höre du auch die Bitten und Klagen, für die wir keine Worte haben.
Du bist verlassen ganz und gar, von Menschen und von Gott,
Jesus, du bringst dein Leben dar für andere.
Gib auch uns die Kraft, von uns selbst abzusehen und stark zu sein für andere.
Wir bitten dich für alle Menschen, die durchtragen und aushalten helfen,
die sich um die kümmern, die Hilfe brauchen, die tun, was getan werden muss,
die Kranke pflegen, Sterbende begleiten, Einsame besuchen und Trauernde trösten.
Du stirbst draußen vor dem Tor und mitten in der Welt, Jesus.
Du lebst vor, was wirklich trägt und hält.
Lass uns die vielen Orte des Leidens auf dieser Erde nicht vergessen,
alle deine Menschen da draußen, die in größerer Not sind als wir.
Was wirklich trägt und hält, das ist im Leiden zu sehen
und an den Leidenden.
Erhalte uns bei dir, was immer kommen mag,
schenk uns Zuversicht und Hoffnung.
Segen
Gott segne Dich und er behüte Dich.
Gott lasse sein Angesicht leuchten über Dir und sei Dir gnädig.
Gott erhebe sein Angesicht auf Dich und gebe Dir Frieden. Amen.
Mit herzlichen Grüßen, Pfarrer Oliver Matri
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