Gestaltung von Katja Tobolewski, Gebete und Predigt aus der Hilfe für Predikant*innen der VELKD (Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirchen Deutschland)

Bibelvers für die Woche:
"Heile du mich, Herr, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen."
Jer. 17, 14
Lied: EG 452, 1 – 3 Er weckt mich alle Morgen
1) Er weckt mich alle Morgen,
Er weckt mir selbst das Ohr.
Gott hält sich nicht verborgen,
führt mir den Tag empor,
dass ich mit Seinem Worte
begrüß das neue Licht.
Schon an der Dämmrung Pforte
ist Er mir nah und spricht.
2) Er spricht wie an dem Tage,
da Er die Welt erschuf.
Da schweigen Angst und Klage;
nichts gilt mehr als Sein Ruf.
Das Wort der ewgen Treue,
die Gott uns Menschen schwört,
erfahre ich aufs neue
so, wie ein Jünger hört.
3) Er will, dass ich mich füge.
Ich gehe nicht zurück.
Hab nur in Ihm Genüge,
in Seinem Wort mein Glück.
Ich werde nicht zuschanden,
wenn ich nur Ihn vernehm.
Gott löst mich aus den Banden.
Gott macht mich Ihm genehm.
Psalm 32, 1 – 7
Wohl dem, dem die Übertretungen vergeben sind,
dem die Sünde bedeckt ist!
Wohl dem Menschen, dem der Herr die Schuld nicht zurechnet,
in dessen Geist kein Falsch ist!
Denn da ich es wollte verschweigen,
verschmachteten meine Gebeine durch mein tägliches Klagen.
Denn deine Hand lag Tag und Nacht schwer auf mir,
dass mein Saft vertrocknete, wie es im Sommer dürre wird.
Darum bekannte ich dir meine Sünde,
und meine Schuld verhehlte ich nicht.
Ich sprach: Ich will dem Herrn meine Übertretungen bekennen.
Da vergabst du mir die Schuld meiner Sünde.
Deshalb werden alle Heiligen zu dir beten
zur Zeit der Angst;
darum, wenn große Wasserfluten kommen,
werden sie nicht an sie gelangen.
Du bist mein Schirm, du wirst mich vor Angst behüten,
dass ich errettet gar fröhlich rühmen kann.
Gebet
Vater im Himmel, wir wünschen uns ein versöhntes Miteinander,
Frieden im Kleinen und im Großen, Freundlichkeit, Liebe
und Barmherzigkeit statt Missgunst, Bosheit und Unversöhnlichkeit
– und sind dabei oft selbst nicht in der Lage, das richtige zu tun und
zu sagen. Vergib uns und richte unser Herz auf Dich aus, damit unser
Leben Deine Menschenfreundlichkeit widerspiegelt. Dies bitten wir
durch Christus unseren Herrn und Bruder.
Amen.
Evangelium: Matthäus 15,21–28
21 Und Jesus ging weg von dort und entwich in die Gegend von Tyrus und Sidon. 22 Und siehe, eine kanaanäische Frau kam aus diesem Gebiet und schrie: Ach, Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt. 23 Er aber antwortete ihr kein Wort. Da traten seine Jünger zu ihm, baten ihn und sprachen: Lass sie doch gehen[1], denn sie schreit uns nach. 24 Er antwortete aber und sprach: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. 25 Sie aber kam und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, hilf mir! 26 Aber er antwortete und sprach: Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde. 27 Sie sprach: Ja, Herr; aber doch essen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen. 28 Da antwortete Jesus und sprach zu ihr: Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde.
Apostolisches Glaubensbekenntnis
Ich glaube an Gott,
den Vater, den Allmächtigen,
den Schöpfer des Himmels und der Erde,
und an Jesus Christus,
seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn,
empfangen durch den Heiligen Geist,
geboren von der Jungfrau Maria,
gelitten unter Pontius Pilatus,
gekreuzigt, gestorben und begraben,
hinabgestiegen in das Reich des Todes,
am dritten Tage auferstanden von den Toten,
aufgefahren in den Himmel;
er sitzt zur Rechten Gottes,
des allmächtigen Vaters;
von dort wird er kommen,
zu richten die Lebenden und die Toten.
Ich glaube an den Heiligen Geist,
die heilige christliche Kirche,
Gemeinschaft der Heiligen,
Vergebung der Sünden,
Auferstehung der Toten
und das ewige Leben.
Amen.
Lied: SJ 128, 1 – 4 Da wohnt ein Sehen
Refrain: Da wohnt ein Sehnen tief in uns, o Gott,
nach dir, dich zu sehn, dir nah zu sein.
Es ist ein Sehnen, ist ein Durst nach Glück,
nach Liebe, wie nur du sie gibst.
1) Um Frieden, um Freiheit, um Hoffnung bitten wir.
In Sorge, im Schmerz – sei da, sei uns nahe, Gott.
Refrain: Da wohnt ein Sehnen tief in uns, o Gott,
nach dir, dich zu sehn, dir nah zu sein.
Es ist ein Sehnen, ist ein Durst nach Glück,
nach Liebe, wie nur du sie gibst.
2) Um Einsicht, Beherztheit, um Beistand bitten wir.
In Ohnmacht, in Furcht – sei da, sei uns nahe, Gott.
Refrain: Da wohnt ein Sehnen tief in uns, o Gott,
nach dir, dich zu sehn, dir nah zu sein.
Es ist ein Sehnen, ist ein Durst nach Glück,
nach Liebe, wie nur du sie gibst.
3) Um Heilung, um Ganzsein, um Zukunft bitten wir.
In Krankheit, im Tod – sei da, sei uns nahe, Gott.
Refrain: Da wohnt ein Sehnen tief in uns, o Gott,
nach dir, dich zu sehn, dir nah zu sein.
Es ist ein Sehnen, ist ein Durst nach Glück,
nach Liebe, wie nur du sie gibst.
4) Dass du, Gott, das Sehnen, den Durst stillst, bitten wir.
Wir hoffen auf dich – sei da, sei uns nahe, Gott.
Refrain: Da wohnt ein Sehnen tief in uns, o Gott,
nach dir, dich zu sehn, dir nah zu sein.
Es ist ein Sehnen, ist ein Durst nach Glück,
nach Liebe, wie nur du sie gibst.
Predigt zu Epheser 4,22-32
Stellen Sie sich vor, heute, an diesem Sonntag, platzt jemand mitten
in den Gottesdienst herein. In der Hand ein Brief an die Gemeinde. Er
wartet ab, bis das Lied zu Ende gesungen ist. Dann aber fackelt er
nicht lange, geht nach vorne, stellt sich auf die Kanzel und faltet einige
Papierbögen vor sich aus. Er schaut sie durch, packt die meisten
wieder ein – aber ein Blatt bleibt liegen und er fängt an daraus laut
vorzulesen: »Das sage ich euch und beschwöre euch vor Gott: Führt
euer Leben nicht länger ohne Sinn und Verstand. Ihr müsst euch verändern,
sonst richtet ihr euch selbst zugrunde. Erneuerung ist nötig,
nicht nur ein bisschen, sondern grundlegend. Hört auf zu lügen. Ladet
nicht in eurem Zorn Schuld auf euch. Kein Stehlen mehr, sondern
ehrliche Arbeit – und vor allem: Gebt etwas ab, von dem, was euch
gehört. Ende mit verbalen Bosheiten und Gift mit Worten. Das passt
nämlich alles nicht zu einem Leben, wie es für euch gedacht ist. Ihr
seid doch getauft, und gehört damit zu Gott, habt seinen Heiligen
Geist empfangen. Lebt also wie es zu Jesus Christus passt, zu dem ihr
gehört.«
»Was erlaubt der sich!« »Wie redet der mit uns!« Stimmen werden
laut. Unruhe in der Gemeinde. »Was sollen das denn für Vorwürfe
sein: Dass wir hier lügen und stehlen?« »Welche Unverschämtheit.«
– So reagieren die einen und empören sich. Andere wenden sich innerlich
ab und sagen: »Betrifft mich nicht – aber vielleicht jemand
von den anderen hier, rund um mich?«
Ganz klar – das war eine erfundene, eine fiktive Situation. So direkt
wird man in der Kirche in der Regel nicht angesprochen. Oder doch?
Es gibt durchaus Stimmen, die finden, dass sich die Kirchen zu direkt
und zu konkret einmischen, wenn es darum geht, Gottes Schöpfung
zu bewahren oder in sozialen Fragen Stellung für die zu beziehen, die
selbst nicht die Stimme erheben können. In den letzten Jahren haben
die Auseinandersetzungen darüber zugenommen, ob die Kirche sich
einfach nur (und besser) um die Verkündigung des Evangeliums zu
kümmern habe, und nicht auch um die Voraussetzungen des Zusammenlebens
in der Gesellschaft und im politischen und wirtschaftlichen
Gefüge. Oder ob sie nicht sogar vor den Folgen politischer Entscheidungen
zu warnen haben, wenn es um die Menschenwürde geht? Ob
man die Verkündigung des Evangeliums und die Auswirkungen der
Botschaft Jesu in Gesellschaft und Politik hinein überhaupt so einfach
auseinanderhalten und voneinander trennen kann?
Epheser 4,22-32
Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel, der sich durch trügerische Begierden zugrunde richtet. 23 Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn 24 und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit. 25 Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind. 26 Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen 27 und gebt nicht Raum dem Teufel. 28 Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr, sondern arbeite und schaffe mit eigenen Händen das nötige Gut, damit er dem Bedürftigen abgeben kann. 29 Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Gnade bringe denen, die es hören. 30 Und betrübt nicht den Heiligen Geist Gottes, mit dem ihr versiegelt seid für den Tag der Erlösung. 31 Alle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung seien fern von euch samt aller Bosheit. 32 Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.
II.
Den alten Menschen ablegen und einen neuen Menschen anziehen –
damit beginnt der Abschnitt, den wir eben gehört haben. Die Gemeinde
in Ephesus denkt hier nicht an jemand, der in die Requisitenkammer
eines Theaters geht, um ein Gewand für einen Auftritt
auszuwählen, weil er in eine neue Rolle schlüpft und damit auf die
Bühne tritt. Sie hat eine ganz andere Situation vor Augen, die sich
im Leben der Gemeinden in den ersten Jahrhunderten nach Jesu Auferstehung
immer wieder ereignet hat: Ein Mensch legt seine Kleider
ab und zieht das Taufgewand an, weil er das Evangelium gehört hat
und nun Jesus nachfolgen will. Die Taufe wird gefeiert. Wie der Apostel
Paulus es im Römerbrief ziemlich drastisch beschreibt, bleibt der
alte Mensch gewissermaßen im Taufwasser zurück, während der neue
Mensch aus dem Taufwasser heraussteigt. Bildlich gesprochen wird
alles, was Menschen von Gott trennt, in der Taufe weggespült und
abgewaschen. Darum auch das symbolhafte weiße Taufkleid – mit
Gott im Reinen sein, das drückt es aus. Nichts steht zwischen dem
Täufling und Gott, keine Schuld, kein Versagen, keine falschen Wege,
keine Fehlorientierung. Sondern Erneuerung in Geist und Sinn. Um
den inneren Menschen geht es hier also, der sich neu ausrichten kann,
weil etwas Neues mit ihm passiert ist. Er ist durch die Taufe neu geschaffen
in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit, wie es im Epheserbrief
heißt. Das sind große Begriffe: »wahre Gerechtigkeit« und »Heiligkeit«.
Wer könnte – auch als getaufter Mensch – schon von sich behaupten,
das zu verkörpern? – Es gibt einen, der das kann – das ist Jesus Christus
selbst. Er ist der Maßstab dafür, was es heißt, in wahrer Gerechtigkeit
und Heiligkeit zu leben. Der Anspruch an die Getauften ist also:
Christusgemäß leben – gerecht und heilig.
III.
Allerdings: Da gibt es diesen gewaltigen Unterschied zwischen Anspruch
und Wirklichkeit. Wir sind nicht automatisch wie Jesus, auch
wenn wir getauft sind, mit ihm in den Tod gegangen und zu neuem
Leben emporgezogen. Das sieht auch der Verfasser des Epheserbriefs,
wenn er auf die Christen in Ephesus blickt, und merkt, wie sie schon
untereinander in der Gemeinschaft der Christen an dieser Herausforderung
scheitern. Dabei müsste es doch eigentlich ganz einfach sein unter
Gleichgesinnten, vorbildlich miteinander umzugehen. Getaufte sind
ja Menschen, die nach dem Willen Gottes fragen wollen, weil sie Christus
anvertraut sind und an ihn glauben. Aber der Blick in das Leben in
der Gemeinde ist der lebendige Beweis für die Lücke zwischen Anspruch
und Wirklichkeit, zwischen Wollen und Vollbringen. Es gibt in Ephesus
und auch in anderen frühchristlichen Gemeinden ganz offensichtlich
Konflikte, und es gibt Fehlverhalten unter den Jesusnachfolgern. Sie
kommen nicht gut miteinander klar. Dabei sollte die christliche Gemeinde
durch ihre Liebe untereinander auffallen und ein Beispiel für
die versöhnende Kraft des Evangeliums sein. Martin Luther wird viele
Jahrhunderte später noch immer ringen mit dieser Diskrepanz zwischen
dem Ablegen des alten Menschen in der Taufe und dem offenbar dann
doch nicht komplett neuen Menschen – und den Christen im Mittelalter
einen Weg empfehlen, mit diesem Problem umzugehen: Nicht aufgeben,
nicht wegschauen, sondern »dem alten Adam«, wie er diesen
alten Menschen in uns selbst nennt, in das Gesicht blicken, ganz offen
und ehrlich. Im Kleinen Katechismus erklärt Luther, was bei der Taufe
geschieht und wie Gott bei der Wassertaufe an den Menschen handelt.
Er ergänzt dann: »Was bedeutet denn solch Wassertaufen? – Es bedeutet,
dass der alte Adam in uns durch tägliche Reue und Buße soll ersäuft
werden und sterben mit allen Sünden und bösen Lüsten; und wiederum
täglich herauskommen und auferstehen ein neuer Mensch, der in Gerechtigkeit
und Reinheit vor Gott ewiglich lebe.«
Es ist und bleibt tägliche Aufgabe, mit dem »alten Menschen« in
uns umzugehen. Umkehr, Neuanfang täglich, Neuausrichtung auf das
Vorbild Christi sind die spirituellen Schritte auf diesem Weg der Bewährung
des »neuen Menschen«.
Erster Ort dieser Bewährung ist für den Verfasser des Epheserbriefes
das Zusammenleben in der christlichen Gemeinde. Dort soll das
gerechte und heilige Leben konkret werden, damit die Botschaft des
Evangeliums nicht durch das Reden und Handeln der Gläubigen unglaubwürdig
wird. Wenn Menschen in den Gemeinden so handeln,
dass die Gemeinschaft geschädigt wird, dann läuft etwas falsch. Darauf
wird die Gemeinde in Ephesus aufmerksam gemacht und erhält
sechs Hinweise, sechs Regeln, damit ihr Leben christusgemäß ist:
Erstens:
Ihr gehört zusammen – darum keine Lügen untereinander. Das
erinnert an das achte Gebot. Martin Luther erklärt es so: »Wir sollen
Gott fürchten und lieben, dass wir unsern Nächsten nicht belügen,
verraten, verleumden oder seinen Ruf verderben, sondern sollen ihn
entschuldigen, Gutes von ihm reden und alles zum besten kehren.«
Zweitens: Schleppt den Zorn nicht mit. Es gibt Situationen, in denen
Ärger, Wut und Zorn aufkommen. Aber: Nehmt ihn nicht mit in
die Nacht. Klärt untereinander, was zu klären ist.
Drittens: Kein Raum für den Teufel. Griechisch ist der Teufel der
Diabolos, das heißt Durcheinanderwerfer, Verwirrer oder Verleumder.
Achtet also darauf, dass ihr euch nicht gegeneinander aufbringen und
auseinanderdividieren lasst.
Viertens: Es geht um echte eigene Arbeit – alles andere ist Stehlen.
Und: Arbeit, Verdienst und Gewinn dienen nicht einfach dem eigenen
Wohlbefinden, sondern dazu, dass die etwas abbekommen können,
die es nötig haben.
Fünftens: Achtet darauf, wie ihr redet und was ihr sagt. Mit Worten
kann man zerstören und aufbauen.
Sechstens und zusammenfassend: Geht miteinander so um, wie Gott
mit euch umgeht: Gütig und barmherzig. Er vergibt euch – vergebt
also auch einander. Er wendet sich euch zu – macht es ebenso. Er liebt
euch – gebt diese Liebe weiter.
Sechs Regeln, damit es untereinander klappt in der christlichen
Gemeinde.
IV.
Der Epheserbrief verfolgt ein Hauptinteresse. Ihm geht es um das Leben
in der Kirche, also unter den Christinnen und Christen; weniger
darum, wie sich die Kirche zur übrigen Welt, nah oder fern, verhält.
Gerechtigkeit und Heiligkeit, die Wesenszüge Jesu, die das Leben der
Getauften kennzeichnen sollen, enden aber nicht an der Kirchentür,
sondern gehen über das Leben einer einzelnen Kirchengemeinde und
das innerkirchliche Reden und Handeln hinaus. Man zieht ja den
»neuen Menschen« nicht wieder aus, wenn man sich außerhalb der
Kirchengemeinde bewegt. Es sind nicht Regeln nur für den Sonntag,
sondern solche, die in den Alltag hinein wirksam sind, weil sie den
ganzen Menschen mit seinem ganzen Leben umfassen.
Die Gemeinde ist gewissermaßen das Übungsfeld für christusgemäßes
Leben. Ein »safe space«, in dem Menschen erproben können,
wie es ist, ohne Lüge, auf Versöhnung bedacht, ohne Eigennutz und
Geschwätz zu leben, und mit Glaubensgeschwistern Haltungen zu
trainieren, die christusgemäß sind. Fragt sich, ob unsere Kirchengemeinden
in der heutigen Zeit solche Räume sind, in denen Menschen
ihren Glauben in sicherer Umgebung, begleitet von der Güte und
Barmherzigkeit der anderen leben können. Achten wir liebevoll aufeinander?
Teilen wir miteinander? Gehen wir aufeinander zu, statt
aneinander vorbei? Wie lösen wir Konflikte? Ist die Kirchengemeinde
wirklich der Ort, an dem Nächstenliebe und Geschwisterlichkeit
sichtbar werden unter denen, die zur Jesusgemeinschaft gehören –
ganz dem Wunsch Jesu selbst entsprechend: Das ist mein Gebot,
dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch liebe. (Joh 13,34) Der
Schriftsteller Tertullian berichtet im 2. Jahrhundert über den Zusammenhalt
der ersten Christen: »Seht, wie sie einander lieben. Das hatte
Ausstrahlung!«
Wenn die Gemeinde der Übungsraum ist, dann ist alles andere das
Bewährungsfeld. Wie drücken sich Gerechtigkeit und Heiligkeit im
Sozialraum aus? In der Nachbarschaft, am Arbeitsplatz und in der
Gesellschaft? Was heißt andere so zu lieben, wie Gott uns liebt, in
diesen Feldern?
Die sechs Regeln gelten auch hier: Bei der Wahrheit bleiben. Zorn
nicht mitschleppen, sonst wird Hass daraus. Sich nicht gegeneinander
aufbringen lassen. Ja, und: Abgeben von dem, was wir uns selbst
erarbeitet haben, damit es anderen auch gut geht. Darauf achten, wie
wir miteinander reden. Güte und Barmherzigkeit leben.
Wenn Christen einzeln oder auch zusammen mit der christlichen
Gemeinde nach diesen Maximen leben, hat dies Auswirkungen. Es
kann dazu führen, dass Kirchengemeinden sich dazu entschließen,
Menschen in das Kirchenasyl aufzunehmen. Dass sie Wege suchen,
Menschen zusammen zu bringen, statt die Polarisierung voranzutreiben.
Es kann aber auch nötig sein, »Stopp« zu sagen, wenn Menschen,
die Gott liebt, diskriminiert werden, ausgeschlossen oder gar
verfolgt.
Als die Bischöfin Mariann Budde aus Washington Anfang 2025
Donald Trump nach dem Amtsantritt darum bat, gegenüber Migranten
und sexuellen Minderheiten barmherzig zu sein, geschah genau
das: Was im Übungsraum Gemeinde erprobt war, nämlich einander
lieben, wie Christus uns geliebt hat, über die Grenzen von Hautfarbe,
Nationalität, sexueller Orientierung und sozialem Status hinweg, das
wirkte in den Bewährungsraum der Öffentlichkeit hinein. Christinnen
und Christen treten für die Menschen ein, die ihre Unterstützung benötigen,
weil Gott auch diese Menschen liebt, und bitten für sie um
Güte und Barmherzigkeit, weil auch Gott gütig und barmherzig ist.
Sie treten für Gerechtigkeit ein, und mischen sich ein, wenn darum
gerungen werden muss, was gerecht ist, weil auch das zum christusgemäßen
Leben gehört.
Amen.
Lied: SJ, 1 – 3 Wir haben Gottes Spuren gestellt
1. Wir haben Gottes Spuren festgestellt
auf unsern Menschenstraßen,
Liebe und Wärme in der kalten Welt,
Hoffnung, die wir fast vergaßen.
Refrain: Zeichen und Wunder sahen wir geschehn
in längst vergangnen Tagen,
Gott wird auch unsre Wege gehn,
uns durch das Leben tragen.
2. Blühende Bäume haben wir gesehn,
wo niemand sie vermutet,
Sklaven, die durch das Wasser gehn,
das die Herren überflutet.
Refrain: Zeichen und Wunder sahen wir geschehn
in längst vergangnen Tagen,
Gott wird auch unsre Wege gehn,
uns durch das Leben tragen.
3. Bettler und Lahme sahen wir beim Tanz,
hörten, wie Stumme sprachen,
durch tote Fensterhöhlen kam ein Glanz,
Strahlen, die die Nacht durchbrachen.
Refrain: Zeichen und Wunder sahen wir geschehn
in längst vergangnen Tagen,
Gott wird auch unsre Wege gehn,
uns durch das Leben tragen.
Fürbitten
Unser Planet ächzt und wankt. Er ist versehrt und die Menschheit
ist nicht unschuldig daran. Statt sie zu bewahren und zu pflegen
beuten Menschen die Erde aus und verletzen eine Gabe Gottes, die
ihnen zu treuen Händen anvertraut ist.
Lass die Einsicht wachsen, dass Umkehr nötig ist und verantwortungsbewusstes
Handeln im Kleinen und im Großen.
Was die Welt braucht ist Versöhnung und Frieden. Doch die
Realität sieht anders aus. Der Zorn reicht nicht nur bis zum Abend,
sondern verpestet Jahre und Jahrzehnte. Worte und Taten sind vergiftet,
die Fronten verhärtet, die Bereitschaft, neue Wege zu suchen,
weit entfernt.
Hab Erbarmen, Herr. Erwärme die zu Stein gewordenen Herzen
und erweiche die Gewissen der Machthabenden.
Sie sind in ihrer Not viel zu oft allein: Alte Menschen, Einsame,
Alleinerziehende, Arme, Wohnungslose, Verzweifelte, an Leib und
Seele Verletzte. Wer sieht sie? Sieht sie wirklich – nicht nur als Bedürftige,
sondern als Mitmenschen; nicht nur als Sozial-Schmarotzer,sondern als vom Leben Gezeichnete, die auch etwas zu geben haben,
die teilhaben möchten.
Öffne uns die Augen für die, an denen alle vorübergehen, für
die, auf die herabgeblickt wird.
In den Gemeinden leben wir oft nebeneinander her, statt miteinander.
Menschen vermissen eine offene einladende Gemeinschaft,
in der sie Aufnahme finden. Kirche sollte sicherer Hort sein, aber auch
hier erleben Menschen Verletzung und sogar Missbrauch – und dass
andere wegsehen.
B) Hilf uns, dass wir miteinander sprechen und nicht übereinander.
Dass wir zueinander und miteinander suchen.
In der Stille beten wir für die Menschen, die uns am Herzen liegen.
(Stille)
Höre uns, wir hoffen auf Dich!
Vater Unser
Vater unser im Himmel
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich
und die Kraft und die Herrlichkeit
in Ewigkeit.
Amen.
Lied: SJ 73, 1 Der Herr segne Dich
1) Der Herr segne dich und behüte dich, und Freude leuchtet über deinen Wegen. Der Herr segne dich und behüte dich; in seine Hände kannst du alles legen. Ref.: Amen, Amen, Amen, du gehst nicht allein. Amen, Amen, Amen, es wird Friede sein.
Segen
Gott segne Dich und er behüte Dich.
Gott lasse sein Angesicht leuchten über Dir und sei Dir gnädig.
Gott erhebe sein Angesicht auf Dich und gebe Dir Frieden. Amen.
Mit herzlichen Grüßen, Predikantin Katja Tobolewski
Bekanntmachungen
Den Gottesdienst am nächsten Sonntag feiern wir mit Pfrn. Barbara Neubert vom Berliner Missionswerk und mit Sabine Erdmann an der Orgel.
Wir freuen uns auf das Akkordeon-Konzert am heutigen Abend um 18 Uhr in der Kirche mit Serhiy Lakashov.
Die Kollekten am letzten Wochenende betrugen:
church@night 81,00 Euro
Kirchen helfen Kirchen 247,78 Euro
OrgelPlus 266,17 Euro
Heute sammeln wir in den Reihen für besondere Aufgaben der EKD und an der Kirchentür für unser Instrumentalensemble.