Predigt über Markus 2, 23-28

Markusevangelium
Kapitel 2, Verse 23-38
An einem Sabbat ging Jesus durch die Felder. Unterwegs rissen seine Jünger Ähren von den Halmen. Da sagten die Pharisäer zu ihm: »Sieh doch, was deine Jünger tun! Das ist am Sabbat verboten.« Er antwortete: »Habt ihr denn nicht gelesen, was David getan hat? Er und seine Männer waren in einer Notlage und hatten Hunger. – Der Hohepriester war damals Abjatar. – Da ging David in das Haus Gottes und aß die Schaubrote, obwohl es verboten war. Nur die Priester durften davon essen. Aber er gab sogar seinen Männern von den Broten.« Jesus sagte zu den Pharisäern: »Gott hat den Sabbat für den Menschen gemacht, nicht den Menschen für den Sabbat. Also kann der Menschensohn bestimmen, was am Sabbat erlaubt ist.«
Predigt
Eine neue Gruppe war entstanden, damals im Herbst. Man hörte dies, man hörte jenes – aber was war genau ihr Programm? Was wollten sie erreichen? Eine neue Gruppe war entstanden, aus Fischern und Schwiegersöhnen, einigen Frauen dabei, wortkarge und wortgewaltige, die einen blieben in ihren Häusern – andere zogen umher, lebten von der Hand in den Mund. Sie waren nicht die ersten und würden nicht die letzten sein.
Eine neue Gruppe war entstanden – groß war sie nicht. „Noch nicht“, sagten die einen, die fasziniert waren von der neuen Auslegung der Schrift, von ihrem Zusammenhalt und Wagemut. Lose und offen war diese Gruppe, in jedem Ort kamen Menschen hinzu – manche blieben dabei, längst nicht alle. Denn der Alltag war schwer. Da blieb oft keine Zeit für anderes.
Eine neue Gruppe war entstanden, rund um den Rabbiner Jesus aus Nazareth. Ihre Mitglieder gingen in die Synagoge, sie beteten die Psalmen und feierten mit Begeisterung Pessach. Sie trugen keine Waffen und wollten doch die Befreiung von der römischen Herrschaft. Sie wussten, wie sich Hunger anfühlt, sind selber oft genug mit leerem Bauch schlafen gegangen. Sie wussten, wie schwer Krankheit ist – für die ganze Familie. Was für ein Fest, wenn ein Mensch gesund wird. Und weil sie dies alles wussten, wollten sie etwas Neues. Jesus erzählte ihnen vom Reich Gottes. Er nannte Menschen selig. Und wenn er das sagte, fühlte sie, dass es wahr ist.
Eine neue Gruppe war entstanden. Leidenschaftlich diskutierten sie über Gegenwart und Zukunft, darüber, was wichtig ist, was man tut – und was nicht. Sie diskutierten in den Häusern, in den Synagogen und unterwegs. Sie diskutierten untereinander und mit anderen. Und so begab es sich eines Tages, dass sie einige von ihnen unterwegs waren und sie Körner vom Weizenfeld mitnahmen, einfach so, an einem Sabbat.
Wer diese Geschichte kennt, hat sich womöglich schon gefragt, was für einen Sinn das machen soll. So ein paar Körner machen doch nicht satt. Und, ist es nicht ungesund, so frische Weizenkörner zu essen, gibt es nicht bauschmerzen davon? Dass die Jünger Hunger hatten, steht da gar nicht. Das weiß man erst, wenn man Jesu Antwort hört. So macht es jedenfalls einen Sinn, so der Einwand. Womöglich macht es aber doch Sinn – es wird nicht erzählt, wann die Jünger die Körner essen, ob sie sie mitnehmen, damit es abends geröstete Körner gibt, geröstet nach Sonnenuntergang, wenn der Sabbat vorüber ist.
Dass es um Hunger geht, hat Jesus mit seinen Worten deutlich gemacht. Hunger soll nicht sein, Seine Jünger sollen genug zu essen haben, jeden Tag. Kein Hunger, nicht für seine Freunde und für niemanden. Diese Vision, dieser Traum leuchtet durch diese Erzählung, diese Vision, diesen Traum lebte die neue Gruppe, die damals entstanden war.
Was seinerzeit selbstverständlich war, war die Sabbatruhe. Dass sie wichtig ist, war allen klar, wichtig für Gott und die Menschen. Ich denke, dass man dies heute viel deutlicher sagen muss. Denn eine Feiertagsruhe ist nicht selbstverständlich. Wie wichtig sie für uns Menschen ist, welchen Freiraum sie bedeutet, ist vielen nicht klar – und leben viel nicht mehr. Sonntag als einen Festtag, eine Unterbrechung, zur Ruhe kommen, Zeit für Gott, Zeit für das, was im Leben zählt.
Ich könnte Ihnen 100 Gründe für die Feiertagsruhe aufzählen. Und wie wichtig es ist, dass wir uns dafür einsetzen, dass dieser Freiraum bleibt – uns Menschen zum Leben und Gott zur Ehre. Zur Zeit Jesu war die Feiertagsruhe selbstverständlich, sie strukturierte das Leben. So selbstverständlich wie sie war, geriet sie in Konflikt mit anderen Regeln. Welche wiegt in diesem Moment schwerer?
Darüber muss man reden, diskutieren. Genau das geschieht hier in der Geschichte. Die Pharisäer sagen: „Sieh doch, was deine Jünger tun. Das ist am Sabbat verboten.“ Jesus antwortet: „Seht doch, sie haben Hunger.“
Welches Gebot, welche Regel wiegt schwerer? Wer kann das beurteilen? Hier in der Geschichte ist es auch eine Frage, wird die Autorität hat, dies zu entscheiden. Eine neue Gruppe war entstanden, rund um den Rabbiner Jesus. Für sie hatte er die Autorität, die Regeln und Gebote auszulegen – und sie werden diskutiert, in der Bibel, unter den Menschen.
Eine neue Gruppe war entstanden, damals, sie feierte den Sabbat und wollte, dass alle Menschen satt werden. Jeden Tag. Eine neue Gruppe war entstanden, damals – und heute? Neue Gruppen sind entstanden. Der Streit über das, was wichtig ist, welche Regeln, wird zum Teil unerbittlich geführt. Und öfter auch gar nicht mehr geführt. Die eigene Position wird dem anderen oft nur vor die Füße geworfen, ohne ihm zuzuhören. Oder das Verschweigen ist an die Stelle getreten, besser man bleibt unter sich.
Neue Gruppen waren damals entstanden – und heute? Kann uns diese Erzählung helfen, unser Leben heute besser zu verstehen, Ideen zu geben, wie wir die Fragen heute lösen können?
Bei der Vorbereitung der Predigt, sind mir drei Stränge durch den Kopf gegangen, mit denen die Predigt weiter gehen könnte. Einen davon habe ich Ihnen hier aufgeschrieben: Als christliche Gemeinde sind wir keine neue Gruppe, sondern eine alte. Das macht nichts. Für uns ist das, was Jesus gesagt und getan, Kompass und Richtschnur. Und wir müssen uns der Diskussion stellen, anderen erklären, warum wir so oder so denken und handeln.
Eine alte Gruppe entsteht immer wieder neu, auch jetzt im Herbst. Man hört dieses über Christen und jenes – was wollen wir erreichen? Die alte Gruppe der Christen und Christinnen entsteht immer wieder neu, aus Kleingärtnern und Pensionären, aus … etliche Frauen dabei, wortkarge und wortgewaltige, einige sind von hier – andere sind dazu gekommen aus anderen Ländern, aus anderen Sprachen. Sie waren nicht die ersten und würden nicht die letzten sein.
Eine alte Gruppe entsteht immer wieder neu – groß ist sie derzeit nicht. „Nicht mehr“, sagen die einen. „Sie wird wieder wachsen“, sagen die anderen. Sie alle hängen an der Bibel, der Heiligen Schrift, achten aufeinander und treffen sich sonntags zu, Gebet. Offen war die Gruppe, neue kamen hinzu, manche blieben länger, längst nicht alle. Die alte Gruppe, die immer wieder neu entsteht, glaubt an Jesus, den Christus, den Rabbi aus Nazareth. Aus diesem Glauben entsteht Wagemut und Freiheit. Freiheit, sich für das Ende von Hunger einzusetzen und die Freiheit des Feiertags. Wege aus dem Hunger finden – und einfach den Feiertag genießen.
Wir können das zusammen hin bekommen. Amen.