Lieder, Gebete und Predigt von Pfarrer Martin Ost

Bibelvers für die Woche:
„Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ (Römer 12,21)
Zu diesem Vers kann man sich viele Situationen ausdenken, bis diese Idee vollkommen absurd klingt: Schau Putin freundlich an, dann endet der Krieg! Rede geduldig mit Trump, und er wird nachdenklich!
Vielleicht weichen wir mit solchen Beispielen nur einer einfachen Wahrheit aus, die uns selbst betrifft: Wenn ich freundlich grüße, hellt sich das Gesicht der unbekannten Frau auf dem Bürgersteig auf. Wenn ich den, der mich angerempelt hat, böse anschaue, fühlt er sich mit seinem Rempler entschuldigt – wenn ich freundlich reagiere, entschuldigt er sich. Nicht immer, aber oft. Diese Erfahrungen geben uns ein anderes Bild der Welt und der Menschen: es ist nicht alles schlecht. Das brauchen viele: Gute Erfahrungen. Die lassen uns besser leben als all die schlimmen Dinge, die uns niederdrücken.
Eingangslied: 451,1-5
1. Mein erst Gefühl sei Preis und Dank;
erheb ihn, meine Seele!
Der Herr hört deinen Lobgesang;
lobsing ihm, meine Seele!
2) Mich selbst zu schützen ohne Macht,
lag ich und schlief im Frieden.
Wer schafft die Sicherheit der Nacht
und Ruhe für die Müden?
3) Du bist es, Herr und Gott der Welt,
und dein ist unser Leben;
du bist es, der es uns erhält
und mir’s jetzt neu gegeben.
4) Gelobet seist du, Gott der Macht,
gelobt sei deine Treue,
dass ich nach einer sanften Nacht
mich dieses Tags erfreue.
5) Lass deinen Segen auf mir ruhn,
mich deine Wege wallen,
und lehre du mich selber tun
nach deinem Wohlgefallen.
Psalm 19
Das Gesetz des HERRN ist vollkommen
und erquickt die Seele.
Das Zeugnis des HERRN ist gewiss
und macht die Unverständigen weise.
Die Befehle des HERRN sind richtig
und erfreuen das Herz.
Die Gebote des HERRN sind lauter
und erleuchten die Augen.
Die Furcht des HERRN ist rein
und bleibt ewiglich.
Die Rechte des HERRN sind wahrhaftig,
allesamt gerecht.
Sie sind köstlicher als Gold
und viel feines Gold,
sie sind süßer als Honig und Honigseim.
Auch lässt dein Knecht sich durch sie warnen;
und wer sie hält, der hat großen Lohn.
Wer kann merken, wie oft er fehlet?
Verzeihe mir die verborgenen Sünden!
Bewahre auch deinen Knecht vor den Stolzen,
dass sie nicht über mich herrschen;
so werde ich ohne Tadel sein
und unschuldig bleiben von großer Missetat.
Gebet
Gott, in unserer Welt zählt schneller sein, besser Sein, gewinnen. Da klingt seine Logik lächerlich, Gott: Liebet eure Feinde! Betet für die, die euch verfolgen! Überwindet das Böse mit Gutem! Stärke unseren Glauben, Gott. Und unser Rückgrat. Und unser Herz. Für deine Liebe. Für die Menschenwürde. Um Jesu Chrsiti willen.
Amen.
Schriftlesung: Matthäus 5, 38-48
Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Auge um Auge, Zahn um Zahn.« Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Bösen, sondern: Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar. Und wenn jemand mit dir rechten will und dir deinen Rock nehmen, dem lass auch den Mantel. Und wenn dich jemand eine Meile nötigt, so geh mit ihm zwei. Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht ab von dem, der etwas von dir borgen will. Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Du sollst deinen Nächsten lieben« und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Besonderes? Tun nicht dasselbe auch die Heiden? Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.
Lied: SJ 176, 1-3
1. Wo Menschen sich vergessen/ die Wege verlassen//und neu beginnen, ganz neu/da berühren sich Himmel und Erde/dass Frieden werde unter uns…
2. Wo Menschen sich verschenken/ die Liebe bedenken// und neu beginnen, ganz neu, da berühren sich….
3. Wo Menschen sich verbünden/ den Hass überwinden/und neu beginnen, ganz neu// da berühren sich…
Predigt zu Jeremia 29
Schreiben Sie Briefe? Mails sind schneller und reichen meist. Ich meine nicht Handgeschriebenes in Sonntagsschrift mit Füller – da ist schon meine Handschrift davor, die ich noch nie gemocht habe und trotz aller Mühe nicht verbessern konnte. Der Reiz eines Briefes wie sein größtes Hindernis ist, dass man noch beim Schreiben nachdenken muss. Ein Brief wird langsam geschrieben. So landet da nicht der erste Gedanke, weder Lob noch Zorn, wie bei Mails zu oft. Für einen Brief muss ich mich hineindenken in einen Menschen: Wie geht es ihm nach diesem Todesfall, was hat der, die Verstorbene ihm bedeutet, gab es Krankheit oder Konflikte? Wie geht es mit der neuen Wohnung, im neuen Betrieb oder mit dem, was ich ihm, ihr beim letzten Besuch gesagt habe und er oder sie war nicht angetan, wie geht es weiter nach unserem Streit oder im Alltag, der ohne Besinnen einfach abläuft?
Ich denke nach, wenn ein Brief ankommen soll. Nicht nur der Brief, sondern was ich schreibe. Ich möchte verstanden werden, meine Worte sollen Hilfe sein oder Trost und glaubhaft sagen: Ich denk an Dich! Ich ahne, wie es Dir zumute ist. Oder auch: Ich habe keine Ahnung, wie es Dir geht, aber… So ein Brief ist ein Gewinn auch für den Autor: Mir steht nach manchem Kondolenzbrief ein Mensch ganz neu vor Augen, Erinnerungen sind lebendig geworden. Und wenn ich Briefe bekomme, lese ich vielleicht nicht alles gern, aber nachdenken muss ich auch über das, was nicht nur „Alles Gute“ und „Hauptsache gesund“ oder „Nochmal 75 Jahre“ war. Ein Brief sagt etwas über mich und zu mir, und über uns, den Absender und den Adressaten und unsere Beziehung. Schwarz auf weiß und nicht nur dahingesagt oder in Abkürzungen verpackt wie eine SMS. Selbst, dass man auf Antwort warten muss, hat etwas für sich: Die spontane Reaktion ist oft falsch oder verletzend verhindert Nachdenken. „Schlaf drüber!“ sagt man nicht umsonst. Im ersten Zorn schreiben so ist gefährlich wie so zurückschreiben. Und dann kann man einen Brief immer wieder lesen, kann seinen Worten nachdenken.
Den Brief des Jeremia jedenfalls, der heute unser Text ist, hat jemand aufgehoben und immer wieder gelesen, obwohl und weil er so unbequem war.
I
Er schreibt an seine verschleppten Landsleute in Babylonien. Es sind genau die Maßgeblichen im Volk, die er jahrelang auf falsche Wege hingewiesen hat. Sie haben ihn dafür angefeindet, verfolgt und geplagt. Ob er weiß, unter welchen Bedingungen diese Menschen jetzt leben, wissen wir nicht. Wie es ihnen innerlich geht, können aber selbst wir ahnen: Sie haben die Heimat verloren und allen Besitz, die Stellung, die Ehre, sind die Verlierer der Geschichte. Gekränkt sind sie, mit Trauerarbeit beschäftigt – was soll ein Jeremia schreiben?
Soll er Mitleid bekunden? Oder sagen „Ich habe es Euch immer gesagt, Ihr habt nicht hören wollen!“ Also ein „Geschieht Euch Recht!“, eine zugeschlagene Tür: Schaut, wie Ihr klarkommt! Er schlägt die Tür nicht zu, schreibt an die, die zum Unheil beigetragen haben, die nicht hören wollten, er lässt die Verbindung nicht abreißen.
Ob die begierig waren auf den Brief, eine Nachricht aus der verlorenen Heimat? Oder schlechtes Gewissen hatten, weil ihnen eingefallen ist, wie sie Jeremia behandelt haben? Wenn Rechthaber wirklich Recht haben, weckt das Abwehr, man will doch nicht dumm dastehen und sich verschätzt haben!
1 Dies sind die Worte des Briefes, den der Prophet Jeremia von Jerusalem sandte an den Rest der Ältesten, die weggeführt waren, an die Priester und Propheten und an das ganze Volk, das Nebukadnezar von Jerusalem nach Babel weggeführt hatte…: 4 So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels, zu allen Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen: 5 Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; 6 nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären; mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet. 7 Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s euch auch wohl. 8 Denn so spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels: Lasst euch durch die Propheten, die bei euch sind, und durch die Wahrsager nicht betrügen, und hört nicht auf die Träume, die sie träumen! 9 Denn sie weissagen euch Lüge in meinem Namen. Ich habe sie nicht gesandt, spricht der HERR. 10 Denn so spricht der HERR: Wenn für Babel siebzig Jahre voll sind, so will ich euch heimsuchen und will mein gnädiges Wort an euch erfüllen, dass ich euch wieder an diesen Ort bringe. 11 Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung. 12 Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören. 13 Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, 14 so will ich mich von euch finden lassen, spricht der HERR, und will eure Gefangenschaft wenden und euch sammeln aus allen Völkern und von allen Orten, wohin ich euch verstoßen habe, spricht der HERR, und will euch wieder an diesen Ort bringen, von wo ich euch habe wegführen lassen. (Jeremia 29,1.4-14)
II
Der Brief ist ein „echter Jeremia“: Er gibt keine Ruhe. Aber auch: Er schreibt sie nicht ab. Aber selbst, wenn hier weggelassen ist, was nicht wichtig war, Anrede und Gruß und Bericht aus der Heimat – was da steht, ist eine Zumutung. Haben sie den Brief bis zu Ende gelesen? Haben sie ihn aufgehoben oder nur die paar heimlichen Freunde des Jeremia ihn vor der Vernichtung bewahrt? Das wollten sie nicht hören, da hörten sie auf die anderen Propheten, die alles anders sehen. Jeremia kennt sie, nennt Namen.
Eine Kette von Zumutungen. Die erste: „Ich habe Euch wegführen lassen!“ lässt er Gott sagen. Nicht die Übermacht der Babylonier, nicht ihre Waffen oder die Unfähigkeit der eigenen Befehlshaber, Gott steckt dahinter. Gott – nicht der liebe, dem man im Tempel opferte, nicht „unser“ Gott, sondern ein rätselhafter, der nicht schützt, der auch anders kann. Oder, meinetwegen, Theologen finden immer eine Brücke: Seine Liebe kann hart sein.
Mit aller Wucht zerstört dieser Satz alle Verheißungen seit Abrahams Auszug aus Ur: Dass er das Volk zahlreich machen und ihm ein Land auf ewig geben will. Dass er sie behüten will und jeden Stein aus dem Weg räumen. Davids Nachfolger – Könige für immer? Dass alle Heiden, alle Völker am Ende begreifen müssen, dass er Gott ist, der einzige und ihre Götter nur geschnitzte Wunschbilder derer, die sie verehren? Kann Gott so reden oder redet da nicht nur ein gehässiger Jeremia, der immer gegen alle Hoffnungen war?
III
Die anderen Propheten in Israel und Babylon kennen ihre Bibel doch auch, die es in dieser Form da noch nicht gab. Sie reden schriftgemäß, trösten die Trostlosen. Kann Gott sich anders besonnen haben?, fragen sie und antworten: Nein! Gott ist treu, man kann sich auf ihn verlassen. Er hat die Klagen in Ägypten gehört und wird ihr Seufzen hier auch hören. Er hat sie hundertmal gerettet vor ihren Feinden, er wird es wieder tun. Es kann nicht unser Gott sein!, sagen die anderen.
Aber welcher dann?, fragt Jeremia – wenn er der einzige Gott ist, wer anders als Gott hat euch hierher gebracht? Ein fremder Gott, der die Feinde Israels siegen ließ?
Auf wen sollen sie hören? Wir kennen das, in vielen Fragen geht es uns heute nicht anders. Und die sich den Radikalen zuwenden, suchen auch Sicherheit vor solcher Unsicherheit. Klare Antworten suchen sie, eindeutige Weisungen. Krieg oder Frieden und wie das eine und das andere, Rente und Krankenkassen – was ist da richtig? Manche, wenige, reden selbst da von Gottes Willen und der Bibel.
IV
Ich würde es nicht wagen. Dass Du krank bist oder ohne Arbeit – das hat Gott gewollt! Ich weiß es nicht, selbst wenn ich manchmal das Gefühl hatte, jemand verlässt sich gar zu sehr auf seine Sicht der Dinge. Dass die Tochter nur selten heimkommt oder der Sohn den Kontakt abgebrochen hat – vielleicht hat es nicht nur mit ihren Dickschädeln zu tun, sondern auch mit Dir? Wer will, wer kann es hören?
Die Feinde Israels, die nicht zimperlich umgegangen sind mit den Besiegten, die das Land geplündert haben und weiter ausplündern, die Schätze des Tempels geraubt und entweiht haben – die handeln im Auftrag Gottes? Das sagt Jeremia nicht, aber dass, was sie getan haben, von Gott zugelassen, in seinen Plan eingebaut wurde, das meint er wohl. Er hat Euch wegführen lassen!
V
Ob sie die Verheißung in der schlimmen Nachricht auch gehört haben? Wenn Gott ihr Unglück, warum und wie auch immer, gewollt oder zugelassen hat, dann ist er immer noch da. Redet immer noch. Hat nicht die Tür zugeschlagen. Ein blindes Schicksal kann man nicht anrufen, das schlägt zu ohne Logik und Mitleid. Gott aber wäre nicht so zornig, wenn ihm die Menschen nicht so am Herzen lägen.
Nicht immer gilt das auch zwischen Menschen, aber öfter, als uns lieb ist, wenn wir auf einen anderen böse sind, der uns Wahrheiten ins Gesicht sagt, die wir nicht hören wollen. Wenn wir dem anderen einfach egal wären, dann würde er, sie schweigen.
Und das hieße: Der Tempel ist fern, liegt in Trümmern, geplündert – aber Gott ist da. Dort, in der Heimat, und auch hier, in Babylonien ist Gott. Er braucht keinen Tempel. Und kein Land – er geht mit. Im Lauf der Jahre haben die Theologen die Geschichte Israels neu geschrieben, die Frommen, die Sicht auf die Könige, das Land, Gott. Eine neue Geschichte, so wie wir sie heute in der Bibel lesen. Sie haben Gott neu gesehen und seitdem erst als den einzigen beschrieben. Jedes Haus ist zu klein für Gott – gebraucht wird es für Menschen, die Gott verzweifelt suchen und nehmen das Haus als Ort Gottes. Opfern, beten und die Welt mit ihren Fragen ist draußen, kommen zur Ruhe, finden neue Zuversicht. Aber Gott ist auch da, wenn sie das Haus verlassen, wenn wir im Büro verzweifeln über unserem Computer oder den Chef oder einer Aufgabe, die sich einfach nicht erledigen lässt. Und ist bei dem Sohn, der fern bleibt und der Tochter, die so anders lebt als ich es für richtig halte und ich habe sie ganz anders erzogen. Er ist daheim und in der Fremde und nichts und niemand mächtiger als Gott.
VI
Aber das ist nicht das Ende der Zumutungen des Jeremia: „Suchet der Stadt Bestes!“ Oft habe ich das gehört, bei der Einführung eines Stadtrates, des Landtages (in Bayern natürlich) oder auch in einem Grußwort beim Sommerempfang einer Partei.
Bei Jeremia ist er eine Zumutung: Hier werden Kriegsgefangene, Verschleppte angeredet. Sie sollen das Land, dem sie unterlegen sind, nicht verwünschen, sondern sein Bestes suchen und versuchen. Sogar beten sollen sie, nicht gegen diese Feinde, sondern für sie.
Natürlich, was das Gute und Beste ist, ist sehr unterschiedlich definiert. Eigentlich wollen die meisten, fast alle, das Beste, nur, dass die besten Ziele zweier Parteien sich manchmal einfach ausschließen. Wie schwer ist es schon, Radfahrern und Autofahrern gerecht zu werden und das so, dass Fußgänger auch noch leben und getrost ihren Weg gehen können!
Aber solche Spitzfindigkeiten können das Wichtige nicht verdecken: Die Stadt – das sind die Feinde, die Täter, die Heiden – denen das Beste tun oder wünschen?! Gut, wenn es denen gut geht, lassen sie uns vielleicht in Frieden, so geht es uns auch gut, das leuchtet ein, solange Menschen rational handeln. Wenn es ihnen schlecht geht, dann könnten wir die Sündenböcke sein, die Fremden, die sie hassen, die schuld sind daran, dass der Sohn im Krieg geblieben ist und die sich jetzt hier breit machen. Wer kennt die Sprüche nicht?
Man kann das nicht ohne weiteres Nachdenken gleichsetzen – aber die Zumutung ist klar: Die Opfer sollen sich für den feindlichen Staat und die Täter einsetzen, ihm Gutes wünschen. Ja, beten für dieses Land sollen sie. Später wird Paulus schreiben, dass keine Obrigkeit ohne Gott ist und wir wiegen den Kopf, ob das sein kann, angesichts eines Hitler oder eines Kanzlers, der mindestens unglücklich agiert. Sie spüren es vielleicht, je nachdem, wo ihre Sympathien liegen, wenn ich sagen würde: Betet für die Linke!
VII
Es waren völlig andere Verhältnisse damals, die Meinung der Untertanen nicht gefragt – aber wie wäre das: Wenn wir in Berlin nicht nur den Mund zum Meckern aufmachen, sondern der Regierung das Beste wünschen und dazu beitragen, dass es gut wird? Und beten für sie, auch, wenn sie das vielleicht weder wissen noch wollen und wir, Sie sie auch nicht gewollt haben? Gott kümmert sich, auch ohne unser Beten – aber wir sehen neu hin. Sehen nicht nur Fehler und vielleicht falsche Parteien, sondern Menschen, die das Beste versuchen und dafür Hilfe brauchen – von uns als Bürgerinnen und Bürger und von Gott?
VIII
Wie lange soll das gehen, dieses Leben zwischen Menschen, deren Sprache wir nicht sprechen, die ganz anders leben und andere Götter haben und uns auch spüren lassen, manche jedenfalls, dass wir nicht dazugehören, dass wir Gefangene sind, Opfer, Hilflose? Sie gehen mit der Frage schlafen und stehen auf mit ihr.
Sie hören die Propheten in Babylon, die sagen: Es wird nicht lang dauern. Am besten packt Ihr die Koffer erst gar nicht aus. Babyloniens Macht ist nicht unendlich. Gestern Assur, Ägypten, Philister, heute die Babylonier. Angegeben mit ihrer Stärke haben sie alle, prächtige Bauten errichtet, wollten eine neue Welt schaffen. Aber je mehr sie sich ihrer Stärke brüsten, umso sicherer könnt Ihr sein, dass sie enden wird!
Wieder – durchaus fromme Gedanken. Wir neigen dazu, was uns im Weg steht, zu dämonisieren, der gefährlichste Politiker Deutschlands oder gegen Putin haben wir keine Chance oder auch gegen den Krebs kann man nichts machen. So werden Menschen zu Göttern erhoben, denen niemand etwas anhaben kann, wird meine Lebenslage zum ausweglosen Unheil erklärt, bis ich selbst es auch glaube. Das kann doch nicht sein! Fromme Gedanken, die mit der Möglichkeit und Wirklichkeit Gottes rechnen. Und doch: Zu einfach, zu willkommen.
IX
Jeremia hat das Talent, immer das zu sagen, was keiner gern hören will. Seine dritte Zumutung: „Richtet euch ein!“ schreibt er, es wird dauern, mehr als eine Generation. Eure Kinder sollen heiraten, baut Gärten und Felder, ergreift einen Beruf, ja, die Alten werden sterben und manche andere auch in diesem fremden Land. Eure Nachfahren werden auch Gräber zurücklassen.
Was geschehen ist, hat Folgen, was Ihr angefangen habt und habt nicht nach Gott gefragt, dessen Folgen müsst Ihr nun auch tragen. Sogar die Heimkehr, sogar die Wiedervereinigung hat Folgen, die man bedenken, bearbeiten, verstehen muss. Da gibt es auch Streit, Konflikte, Uneinigkeit. Gott ist da, wird Zukunft schenken, ja – aber auch Vergebung räumt nicht aus der Welt, was geschehen ist. Vergeben räumt die Folgen nicht aus der Welt. Ihr müsst Euch jetzt einrichten, und später dann auch wieder.
X
Schreiben Sie Briefe? Wagen Sie es, so einen Brief zu schreiben, solche Zumutungen? Er hat sich nicht nur Freunde gemacht, das ist sicher. Und Feinde hatte er schon genug. Aber er schreibt ihnen – ob sie gemerkt haben: Dieser unmögliche Mensch, dieser Jeremia, der lässt die Verbindung nicht abreißen? Mit seinen Verurteilungen unseres Tuns hat er doch uns nicht abgeschrieben? Ob ich so einen Brief schreiben könnte, aus dem auch ein verärgerter Mensch spürt: Der schreibt, weil ich ihm wichtig bin, so uneinig wir auch immer gewesen sind? Menschen, die aus harten Worten immer noch das spüren: Wir sind nicht abgeschrieben? Von Menschen nicht und nicht von Gott, vielleicht, hoffentlich? Das wäre wenigstens eine Hoffnung, die dieser schwierige Brief macht. Wenigstens denen, die ihn aufgehoben haben. Und haben ihre Geschichte bedacht und neu geschrieben, so, dass am Ende Jeremia einen festen Platz in ihr hat, so sehr er auch gescheitert schien? Vielleicht ist auch das eine Anwendung der Geschichte: Dass so ein Brief über Gräben hinweg einen Neuanfang bedeuten kann – manchmal erst nach Jahren und Jahrzehnten und nicht bei allen?
XI
Ein dickes Brett, dieser Brief. Ich habe mich bemüht, ihn auch für uns dick zu machen, weil es zu glatt vorbeigeht, dieses „Suchet der Stadt Bestes!“ Was Gott heute sagt, kann uns Jeremia nicht so einfach sagen – nehmen wir uns Zeit zum Hören, Reden, Bedenken und Beten und gehen dann unseren Weg. Gott ist dabei – nur manchmal nicht immer so, wie wir es uns erhoffen. Und manchmal auch: Lasst Uns hören, was wir nicht gern hören. Und sagen, was wir kaum auszusprechen wagen. Kann sein, genau da redet Gott. Er helfe uns. Amen.
Lied: EG 347,1-6
1) Ach bleib mit deiner Gnade
bei uns, Herr Jesu Christ,
dass uns hinfort nicht schade
des bösen Feindes List.
2) Ach bleib mit deinem Worte
bei uns, Erlöser wert,
dass uns sei hier und dorte
dein Güt und Heil beschert.
3) Ach bleib mit deinem Glanze
bei uns, du wertes Licht;
dein Wahrheit uns umschanze,
damit wir irren nicht.
4) Ach bleib mit deinem Segen
bei uns, du reicher Herr;
dein Gnad und all's Vermögen
in uns reichlich vermehr.
5) Ach bleib mit deinem Schutze
bei uns, du starker Held,
dass uns der Feind nicht trutze
noch fäll die böse Welt.
6) Ach bleib mit deiner Treue
bei uns, mein Herr und Gott;
Beständigkeit verleihe,
hilf uns aus aller Not.
Fürbitten
Die das Böse mit Gutem überwinden –
für sie bitten wir:
Die Menschen in den Suppenküchen und in den Tafeln.
Die Mitarbeitende der Bahnhofsmission und die Nachbarin,
die den Streit in der Straße zu schlichten vermag.
Die der Stadt Bestes suchen –
für sie bitten wir:
Die Politikerinnen und Politiker.
Die Vereine und die Sportgruppen.
Die Initiativen gegen Rassismus und Ausgrenzung.
Die deiner Logik der Gewaltfreiheit trauen –
für sie bitten wir:
Die Pazifisten und Friedensdienste in aller Welt.
Die Weißhelme in Kriegsgebieten
und die Eltern, die ihr Kind nicht schlagen.
Stärke uns alle,
das Böse mit Gutem zu überwinden.
In uns, miteinander, in der Welt.
Vater unser im Himmel!
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit
in Ewigkeit. Amen.
Liedstrophe: EG 396,3
3) Trotz dem alten Drachen,/ trotz dem Todesrachen,/ trotz der Furcht dazu!/ Tobe, Welt, und springe;/ ich steh hier und singe/ in gar sichrer Ruh./ Gottes Macht/ hält mich in acht;/ Erd und Abgrund muss verstummen,/ ob sie noch so brummen.
Segen
Der Herr Segne uns und behüte uns
Der Herr erhebe sein Angesicht über uns
Und sei uns gnädig
Der Herr lasse leuchten sein Angesicht über uns
Und gebe uns Frieden.
Amen.
Bekanntmachungen:
Am nächsten Sonntag feiern wir Abendmahls-Gottesdienste mit Prädikant Hajo Fentz, Orgel: Sabine Fenske. Im Anschluss wird es ein Kirchencafé geben, dass Pfrn. Schöne vorbereitet, die dann aus der Studienzeit zurück ist.
Die Kollekten der vergangenen Woche:
Taizé 50,00 Euro
Silberne Hochzeit Jacoangeli
Casa Cruzeiro, Brasilien 1.100 Euro
Orgel, JSB 481 Euro
Gottesdienst am Sonntag:
Helmut-Gollwitzer-Haus 31,23 Euro
Berliner Missionswerk, Kuba 74,63 Euro
Heute sammeln wir in den Reihen für die Unterstützung der sozialen Beratung im DWSTZ und an der Kirchentür den Versand der Gottesdienste in Schriftform.